Die BBC-Serie „The Gold“ (am 25. und 26. Juli) auf ONE: Ein meisterhaftes Gangsterdrama über einen Raub, der ein ganzes System entlarvte
Gold glänzt. Verbrechen glänzen ebenfalls – zumindest in der Fantasie des Kinos. Doch die britische Serie „Das Gold“ („The Gold“) macht etwas Bemerkenswertes: Sie erzählt keinen klassischen Heist-Thriller über spektakuläre Einbrecher, schnelle Fluchten und den großen Coup. Der eigentliche Raub dauert in der Serie nur wenige Minuten. Das wirklich Interessante beginnt danach.
Anlässlich der aktuellen Ausstrahlung der BBC-Serie auf ONE lohnt sich der Blick auf ein außergewöhnliches britisches Krimidrama, das weniger vom gestohlenen Gold erzählt als von der Gesellschaft, in der dieses Gold verschwand. ONE zeigt die Serie als Free-TV-Premiere; die Episoden sind auch im englischen Originalton verfügbar.
Denn der Brink’s-Mat-Raub von 1983 war nicht einfach nur einer der spektakulärsten Kriminalfälle der britischen Geschichte. Er war ein Wendepunkt. Die drei Tonnen Gold, die damals aus einem Sicherheitslager nahe dem Londoner Flughafen Heathrow verschwanden, wurden zum Symbol einer neuen Zeit: einer Ära, in der klassische Gangsterwelt, Immobilienboom, internationale Finanzströme und die aufkommende Geldwäscheindustrie immer enger miteinander verschmolzen.
Ein Raub, der größer wurde als seine Täter
Am 26. November 1983 drangen sechs bewaffnete Männer in das Brink’s-Mat-Lager ein. Eigentlich erwarteten sie Bargeld. Stattdessen fanden sie Goldbarren im Wert von rund 26 Millionen Pfund – eine Beute, die viel zu groß war, um sie einfach weiterzuverkaufen.
Genau hier setzt die Serie von Autor Neil Forsyth an. „Das Gold“ interessiert sich erstaunlich wenig für den eigentlichen Überfall. Die entscheidende Frage lautet nicht: Wer hat das Gold gestohlen? Sondern: Wie verschwindet eine solche Menge Gold in einer modernen Gesellschaft?
Aus einem Einbruch entsteht ein komplexes Netzwerk aus Schmelzöfen, Tarnfirmen, Immobiliengeschäften, Steuerkonstruktionen und internationalen Kontakten. Die Serie zeigt damit nicht nur Kriminelle, sondern ein ganzes System, das ihnen Möglichkeiten eröffnet.
Kein Gangster-Mythos, sondern eine Anatomie der Macht
Im Zentrum steht Detective Chief Inspector Brian Boyce, gespielt von Hugh Bonneville, bekannt als aristokratischer Familienvater Robert Crawley aus „Downton Abbey“. Bonneville nutzt hier bewusst ein völlig anderes Image: Er spielt einen nüchternen, beharrlichen Ermittler, der weniger wie ein Actionheld wirkt als wie ein Beamter, der versucht, in einem undurchsichtigen Geflecht aus Lügen und Loyalitäten die Wahrheit zu finden.
Ihm gegenüber stehen Figuren wie Kenneth Noye (Jack Lowden) und der Anwalt Edwyn Cooper (Dominic Cooper). Die Serie macht dabei einen großen Bogen um einfache Gut-Böse-Schemata. Die Täter werden nicht romantisiert, aber sie werden auch nicht als eindimensionale Monster dargestellt.
Gerade diese Ambivalenz ist typisch für die große Tradition britischer Krimiserien: Von „The Sweeney“ über „Prime Suspect“ bis „Line of Duty“ interessiert sich das britische Fernsehen weniger für spektakuläre Verbrechen als für die Strukturen dahinter.
Großbritannien in den 1980er-Jahren: Das eigentliche Thema der Serie
„Das Gold“ ist im Kern auch eine historische Gesellschaftsstudie.
Die Serie spielt in einer Zeit, in der Großbritannien unter Margaret Thatcher wirtschaftlich und gesellschaftlich umgebaut wurde. Alte Klassenstrukturen zerfielen, neue Formen des Reichtums entstanden. Der Immobilienmarkt explodierte, Finanzgeschäfte wurden komplizierter – und zwischen legaler und illegaler Wirtschaft entstanden Grauzonen.
Das Gold aus Brink’s-Mat wird in der Serie deshalb fast zu einer Metapher: Es zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen Unterwelt und Establishment geworden war.
Die faszinierendste Beobachtung der Serie lautet: Nicht der Raub selbst war das größte Verbrechen. Entscheidend war die Infrastruktur, die es ermöglichte, aus gestohlenem Gold scheinbar legitimes Geld zu machen.
Die britische Kritik: Fast einhellige Begeisterung
In Großbritannien wurde „The Gold“ überwiegend enthusiastisch aufgenommen. Kritiker lobten vor allem die Verbindung aus klassischem Polizeidrama, True Crime und Gesellschaftsanalyse.
Der „Guardian“ hob hervor, dass die Serie aus einem bekannten Kriminalfall ein hochwertiges Drama entwickle und gerade durch die Konzentration auf die Folgen des Raubs ihre besondere Qualität gewinne.
Auch die zweite Staffel, die sich stärker mit den verschwundenen Teilen der Beute und den langfristigen Folgen beschäftigt, wurde von britischen Kritikern positiv aufgenommen. Gelobt wurde besonders, dass die Serie weiterhin nicht den Mythos des Verbrechens feiert, sondern die Mechanismen dahinter untersucht.
Die britische Zeitung „The Times“ sah in der Serie sogar ein Beispiel für hochwertiges klassisches BBC-Drama: sorgfältig geschrieben, hervorragend gespielt und ungewöhnlich intelligent in der Darstellung von Kriminalität.
Die Zuschauer: Begeisterung – aber nicht ohne Vorbehalte
Auch beim Publikum kam die Serie überwiegend gut an. Viele Zuschauer lobten die authentische 1980er-Jahre-Atmosphäre, die hervorragenden Schauspieler sowie den realistischen Blick auf Ermittlungsarbeit.
In britischen Zuschauerforen wurde besonders hervorgehoben, dass die Serie eben nicht den Raub selbst in den Mittelpunkt stellt, sondern die komplizierte Geschichte danach.
Allerdings gab es auch Kritik. Einige Zuschauer empfanden die Erzählweise als langsam und komplex. Wer einen klassischen Action-Heist-Thriller erwartete, wurde teilweise enttäuscht. Viele Figuren, wechselnde Perspektiven und lange Dialogpassagen verlangen Aufmerksamkeit.
Gerade diese Eigenschaften machen aber auch die Qualität der Serie aus.
Schauspielerisches Glanzstück
Besonders hervorzuheben ist Jack Lowden als Kenneth Noye. Er spielt keinen typischen Filmgangster, sondern einen Mann, der zwischen brutaler Gewalt, Charisma und erstaunlicher Anpassungsfähigkeit schwankt.
Dominic Cooper verleiht dem Anwalt Edwyn Cooper eine besondere Doppelbödigkeit: eine Figur aus der Welt der Anzüge und Verträge, die zeigt, dass moderne Kriminalität längst nicht mehr nur mit Pistolen und Fluchtwagen funktioniert.
Und Hugh Bonneville beweist erneut seine enorme Bandbreite. Aus dem höfischen Vater aus „Downton Abbey“ wird ein hartnäckiger Ermittler, der sich durch eine Welt kämpft, in der die Grenzen zwischen Kriminellen und respektabler Gesellschaft zunehmend verschwimmen.
Fazit: Eine der besten britischen Krimiserien der vergangenen Jahre
„Das Gold“ ist kein schneller Thriller. Es ist eine Serie für Zuschauer, die britische Krimis wegen ihrer Atmosphäre, ihrer Figurenzeichnung und ihrer gesellschaftlichen Tiefe lieben.
Wer eine spektakuläre Räuberpistole erwartet, wird möglicherweise überrascht sein. Wer dagegen Serien wie „Line of Duty“, „The Wire“ oder klassische BBC-Krimidramen schätzt, findet hier ein außergewöhnlich sorgfältig gearbeitetes Stück Fernsehen.
Das eigentliche Gold dieser Serie liegt nicht in den Barren von Brink’s-Mat. Es liegt in der Erkenntnis, dass ein Verbrechen niemals nur aus Tätern und Opfern besteht. Es entsteht aus einer Gesellschaft, die bestimmte Formen von Gier, Ehrgeiz und Macht möglich macht.
„Das Gold“ ist deshalb weniger eine Geschichte über einen Raub. Es ist eine Geschichte darüber, wie ein Land sich verändert hat
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