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Freitag, 16. Juli 2021

Anruf in der Nacht

Anruf in der Nacht

Von Richard Janssen

Es fiel Peter Neumann schwer, sich an diesem nebeligen Samstagabend auf seine Arbeit zu konzentrieren. Der junge Ingenieur saß über einer komplizierten Bauzeichnung, doch seine Gedanken wanderten scheinbar sinnlos herum.
   Resignierend legte er schließlich den Zeichenstift beiseite, vergrub das Gesicht in den Händen und schloss die Augen. Wie durch Zauberei erschien das Bild der schönen Frau plötzlich vor ihm. Ja, sie war es. Die unbekannte Schöne, die ihm am Vorabend beim Spaziergang im nebeligen Park begegnet war.
   Er erinnerte sich an die Begegnung us genau als habe sich jede Einzelheit mit fotografischer Genauigkeit in sein Gedächtnis eingebrannt. Er hatte sie zuerst nur als eine schimmernde weiße Gestalt im wallenden Nebel an dem kleinen Bach ausgemacht, der den Park durchfloss. Die Gestalt schien über dem Wasser zu schweben und erst als er näherkam bemerkte er dass sie auf eine flachen japanischen Brücke stand, die den Dach überquerte. Ihrer Gestalt haftete etwas Übernatürliches an. Ihr Gesicht war sanft und ein Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Die Augen, die großen, dunklen und traurigen Augen blickten direkt an ihm vorbei in eine weite, unbekannte Ferne.
   Er musste minutenlang stillgestanden haben, um sie zu betrachten. Als dann einen unbedachten Schritt nach vorn machte, schien es, als bekäme die schöne Gestalt einen Sprung.
   Die Unbekannte flog scheinbar schwerelos herum und entfernte sich, wobei sie in seinen Augen über den Boden zu  schweben schien. Es hatte lange gedauert, bis er wieder  fähig  war, sich zu rühren...
   Das Schrillen des Telefons riss ihn aus der Erinnerung. Peter nahm benommen den Hörer ab und meldete sich.
   »Ich bin es«, sagte eine sanfte weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
   Peter presste den Hörer ans Ohr.  »Sie?«, fragte er überrascht.
   »Wir sind uns begegnet...«, fuhr die Stimme fort. »Gestern, im Park - erinnern Sie sich?«
   »Ja...«, sagte Peter zögernd. War das Wirklichkeit? War das Wesen, das er gestern gesehen hatte, wirklich aus Fleisch und Blut gewesen? Und wie hatte sie seine Telefonnummer herausfinden können...?
   »Ich würde gern mit Ihnen sprechen«, sagte die Stimme.
   »Sie können mich anrufen - ab und zu, wenn Sie wollen... »
   »Aber... warum?« .
   »Wir können uns nicht mehr sehen«, sagte die Stimme. »Fragen Sie nicht warum – es ist einfach so. Aber Sie können mich anrufen... wählen Sie nur sechsmal die sieben...«
   »Sechs mal die sieben«, wiederholte Peter automatisch.
   »Ich freue mich so, wir uns gefunden habe!«, sagte die Stimme. Dann klickte es. Sie hatte aufgelegt. Die Verbindung war unterbrochen. Peter hielt immer noch den Hörer in der Hand.
   Wie in Trance wählte er die Nummer der Auskunft.
   »Bitte,  können Sie mir sagen, auf welchen Namen der Anschluss mit der Nummer 77 77 77 eingetragen ist?«, fragte er.
   »Bedauere, mein Herr », erwiderte die Auskunftsdame wenig später. »Die Nummer wurde nicht mehr vergeben, seit die letzte Besitzerin verstorben ist... haben Sie nicht in den Zeitungen davon gelesen? Ihr eifersüchtiger Ehemann erschoss sie auf der kleinen Brücke im Stadtpark, wo sie sich mit ihrem Liebhaber getroffen hatte.«
   Peter drückte auf die Gabel. Das Freizeichen kam. Langsam  begann er zu wählen...


 

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Die Achtziger – das waren die Jahre, als man noch überall rauchen durfte, der Marlboro-Mann und der Camel-Tramp im Kino Werbung machten und die Hollywood-Hits »Dirty Dancing«, »Shining« und »Zurück in die Zukunft« hießen. Zum Telefonieren benutzte man Festnetztelefone, und wenn man unterwegs war, musste man sich zum Anrufen eine Telefonzelle suchen – das waren gelbe Kabinen mit einem Münztelefon und einem gestohlenen Telefonbuch.

Zwei Dutzend clevere Kriminalstorys aus der guten alten Zeit – als im Fernsehen immer dienstags »Dallas« lief und freitags »Derrick« ermittelte. Die Hits des Jahrzehntes waren »Take On Me« von a-ha , Nena mit »99 Luftballons« und natürlich »Jeanny« von Falco. Wie immer zu Ihrem Vergnügen ausgesucht und zusammengestellt von Krimikenner H.P. Karr.

  

 

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Richard Janssen: Anruf in der Nacht
© by author / R.Jahn
Published by krimiladen.blogspot.com
7/2021
Verbreitung nur mit Genehmigung

Montag, 5. April 2021

Marianne und ihre Mutter

 Marianne und ihre Mutter

 Von Mara Mainau

 Marianne hatte völlig überraschend ihre Koffer gepackt und war zu ihrer Mutter gefahren. Mit verweinten Gesicht saß sie nun da und brachte kein Wort heraus.
   »Du hast dich mit deinem Mann zerstritten!«, erkannte Mariannes Mutter. Mariannes nickte schwer.
   »Warum?«, fragte ihre Mutter. »Es muß doch einen Grund gegeben haben, wegen dem ihr euch gestritten habt!«
   »Es ist ... weil eine Stromleitung defekt war!«, brachte Marianne schließlich hervor.
   Ihre Mutter schüttelte an Kopf. »Aber Kindchen!«, sagte sie besänftigend. »Das ist doch kein Grund, sich zu streiten. Oder hast du etwa die Leitung mit Absicht zerstört?«
   »Nein, sie war einfach kaputt«, schluchzte Marianne.
   »Ich sehe nicht ein, wo da der Grund für einen Ehestreit liegen soll!«, sagte Mariannes Mutter. »In einem solchen Falle ruft man doch einen Elektriker, der das alles wieder in Ordnung bringt!«
   Marianne wischte sich die letzten Tränen ab. »Aber genau das ‘habe ich ja auch getan, Mutter. Am Nachmittag ging die Leitung kaputt und ich telefonierte sofort mit einem Elektriker. Zufälligerweise hatte er Zeit und er versprach, sofort vorbeizukommen, um den Schaden zu reparieren!«
   »Und dein Mann? War er damit nicht einverstanden?«
   »Er wusste doch gar nichts davon, er war doch im Büro!«, erwiderte Marianne.
   »Aber wieso konntet ihr euch denn dann wegen der defekten Stromleitung streiten? Ist der Elektriker etwa nicht gekommen?«
   »Oh doch, schon fünf Minuten nach meinem Anruf stand er vor der Tür und konnte mit der Reparatur beginnen!« erzählte Marianne. »Er fragte mich zuerst, ob ich ein paar Kerzen in Haus hätte, weil er die Sicherung herausschrauben müsse, um den Schaden zu beheben. »
   »Und du hattest natürlich keine Kerzen!«, sagte ihre Mutter mit dem Brustton der Überzeugung.
   »Doch, ich hatte noch drei Kerzen, die zündete ich an. Zwei stellte ich auf den Couchtisch, mit der dritten leuchtete ich dem Handwerker. Der Schaden war in einer Leitung neben dem Sofa und so konnte ich ganz bequem sitzen!«
   »Ich verstehe immer: noch nicht, wie die Reparatur einer Lichtleitung zu einem Ehestreit führen kann”, sagte Mariannes Mutter verständnislos. »Du hast also auf dem Sofa gesessen und dem Elektriker geleuchtet, und auf dem Couchtisch brannten zwei Kerzen. Was ist dann passiert? Mein Gott, er wird doch nicht etwa zudringlich geworden sein? »
   »Aber nein, Mama, ihm ist nur eine Schraube heruntergefallen, unters Sofa und gerade, als er halb unter das Sofa gekrochen war, um sie hervorzuholen, da ist mein Mann hereingekommen...«
   
   

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 Die Kunst, eine Kurzgeschichte zu schreiben

 Von Michael Rolandt

 Es ist für manchen Autor schon schwer genug, eine Geschichte zu erzählen, aber noch viel schwieriger als eine einfache Geschichte ist eine Kurzgeschichte zu schreiben.
   Wie sagte schon Goethe: »Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, dir einen kurzen zu schreiben.« Ebenso verhält es sich mit Kurzgeschichten. Je kürzer, desto komplizierter und aufreibender ist die Arbeit daran. Am schwierigsten sind Geschichten, die etwa den Umfang dieses Werkes haben. Sie sind sozusagen die Krönung eines jeden Autorenlebens. Eine solche kurze Geschichte veröffentlicht zu sehen, bringt einem Schriftsteller mehr Befriedigung und Achtung vor dem eigenen Werk ein als ein Dutzend dicker Romane.
   Es soll schon vorgekommen sein, dass Autoren für die Gestaltung einer einzigen Kurzgeschichte mehr Papier verbrauchten als für ihre gesamten bisher erschienen Werke.
   Es ist nämlich das existentielle Problem der Kurzgeschichte, dass man in ihr nur das Wichtige, das Wichtigste. das Allerwichtigste zu Papier bringen darf. Was in einem Roman eine seitenlange Beschreibung in Anspruch nehmen kann, muß in diesen Genre auf ein Wort, höchstens einen Nebensatz komprimiert werden.
   Dabei kann die Kurzgeschichte ebensoviel und sogar mehr aussagen als ein dreibändiges Epos. Dazu hat sie noch den Vorteil, dass sie in wesentlich kürzerer Zeit zu lesen ist. Was da in den Wochenendbeilagen der Tageszeitungen in zwei bis fünf Minuten liest, hat dem Autor Stunden um Stunden härtester Arbeit gekostet. Er hat Unmengen von Papier verbraucht, unzählige Tassen Kaffee getrunken und seine Schreibmaschine mit immer neuen Vorentwürfen traktiert.
   Es gibt für einen solchen Autor kein erhebenderes Erlebnis,
   als an einem Wochenende eine Zeitung aufzuschlagen und dort  das Ergebnis seiner stundenlangen Mühen gedruckt zu finden.
   Auf der letzten Seite der Wochenendbeilage zumeist, unter anspruchslosen Witzzeichnungen, prangt - in nicht gerade üppigen Lettern, der Titel seines, Werkes. Hat man etwas Glück, so ist. sogar der Name des Autors oder sein Pseudonym dort vermerkt! Es wäre vermessen, versuchte man das Glücksgefühl, dass einen in jenem Augenblick durchströmt, zu beschreiben.
   Doch bis man seine Kurzgeschichte endlich in der Zeitung finden kann, ist es ein langer Weg. Denn genau wie das Schreiben, so ist auch das Verkaufen einer Kurzgeschichte  eine große Kunst. Die Zeitungsredaktionen werden mit Manuskripten untalentierter Skribenten überhäuft, so dass man sich schon etwas besonderes einfallen lassen muß, um sein Werk in diesem Stapel minderwertiger Makulatur auffallen zu lassen. Zum Beispiel auf rotes Papier schreiben (was keinerlei Rückschlüsse auf die politischen Interessen zuläßt, schließlich kann man schlecht auf schwarzes Papier schreiben.). Oder man wählt statt der gewöhnlichen rechteckigen Bögen trapezförmige.
   Früher wurde eine Geschichte im allgemeinen schon veröffentlicht, wenn man der Zusendung kein Rückporto beilegte, da es sich die meisten Redaktionen nicht leisten konnten, unaufgefordert eingesandte Arbeiten auf eigene Kosten zurückzuschicken. Doch heute, im Zeitalter der Pressekonzentration, der Großverlage und Redaktionsgemeinschaften kann man diesen Kunstgriff nur noch bei kleineren Provinzzeitungen anwenden.
   Ein freundlicher Begleitbrief an den bearbeitenden Redakteur kann manchmal ebenfalls Wunder wirken. Noch besser ist es natürlich, wenn man dem Manuskript eine vollständige Interpretation der Geschichte beifügt, damit der gute Mann auch versteht was man zum Aus- und Abdruck bringen möchte. Stimmt dies alles dann noch mit der persönlichen Meinung des Redakteurs
   überein, hat man schon gute Chancen. Kommt noch eine gehörige  Portion Glück dazu, so erhält man einige Monate nach der Einsendung des Manuskriptes einen freundlichen Brief mit dem Inhalt, dass die vorgelegte Kurzgeschichte in einer der nächsten Ausgaben erscheinen wird.
   Und obwohl sich die Honorare für Kurzgeschichten in Grenzen halten, hoffe ich auch bald auf einen solchen Brief, denn mittlerweile bin ich zwei Monate mit der Miete im Rückstand , und meine Vermieterin wird sich nicht ewig mit dem Hinweis auf meine literarischen Fähigkeiten vertrösten lassen.


Mara Mainau: Marianne und ihre Mutter
Michael Rolandt: Die Kunst, eine Kurzgeschichte zu schreiben
© by authors / R.Jahn
Published by krimiladen.blogspot.com
4/2021
Verbreitung nur mit Genehmigung